anders

„Die Menschen machen immer die Umstände dafür verantwortlich, was sie sind. Ich glaube nicht an Umstände. Die Menschen, die vorangehen in dieser Welt, sind stets jene, die sich aufmachen und die Umstände suchen, die sie brauchen, und sie schaffen, wenn sie sie nicht finden können.

(George Bernhard Shaw)

Wir haben uns von einer „Gesellschaft des Fortschrittes“  in eine Problemgesellschaft mit den Leitbegriffen „ Pfusch“ und „Reparatur“ entwickelt, meint Sloterdijk.  Einer Gesellschaft, der immer weniger gelingt. Vielleicht auch eine Gesellschaft, die es immer weniger vermag, den Blick auf das Wesentliche zu erlangen. Zwischen unseren Erklärungsmodellen, unseren Ausredenkatalogen und unserem Versuch, eine unreflektierte und widerstandslose Haltung der Außenwelt gegenüber, als ein tolerantes und weltoffenes gar heldenhaftes Menschsein darzustellen, verwundert.

Das Andere wird kategorisch zur Gefahr, zu einer Bedrohung eines wohl nie real vorhanden gewesenen Wohl – Standes. Und so wird aus jeder Bewegung eine Krise und somit eine potentielle Gefahr. Es ist längst an der Zeit  den Blick, die Gedanken und die zu stellenden Fragen, auf das Ursprüngliche, das Echte zu lenken. Nicht der Suche nach dem richtigen Begriff, der Definition des Leides  sollte Raum und Platz gegeben werden , sondern der Frage  :

Was macht mich zu dem was ich bin ?

Wie bin ich ursächlich für mein Problem?

Der Weg zu uns selbst erfordert, wie wir wissen, Gelassenheit, Achtsamkeit und vor allem Übung. Sowie es ein jahrelanger Weg ist, um Yoga zu erlernen oder in sein  Leben zu bringen, so erfordert es auch genau dieselben Haltungen um sich selbst zu erkennen, zu verstehen und das zu werden, was man ist. Erst dann beginnt ein „In der Welt sein“, erst dann kann man sich in der Zurückgezogenheit und der Einsamkeit, mit der Welt, der Substanz, verbinden. Wir haben ein weitaus größeres Maß an Selbstverantwortlichkeit als wir denken.

Das gelingende Leben muss man gestalten in dem man sich immer selbst im Blick hat. Wir stellen allzu große Erwartungen an die Menschen unserer Umgebung. Sind es zuerst die Eltern und die Kindheit, machen wir später die Lehrer und das Bildungssystem und zuletzt unsere Beziehungen dafür verantwortlich, nicht ins glückliche Leben zu kommen.

All diese Haltungen, Informationen und scheinbare Erkenntnisse bringen uns sehr schnell und sehr weit von uns selbst weg. Doch genau dort sollten wir uns vertiefen, genau dort sollten wir über uns ins Staunen kommen. Wie vielfältig die Möglichkeiten sind, uns immer besser zu erkennen und uns immer „origineller“ zu erschaffen. Leider stellen  wir all zu oft bei solchen Phänomenen die falschen Fragen. Wir widmen uns mit viel Energie dem Aushalten und Umgehen solcher Erscheinungen. Auch viele Therapieformen untersuchen diese Krankheitsbilder nicht nach dem Ursprünglichen, sondern versuchen die Umgebung und die Gesellschaft zu unterrichten, mit den betroffenen Menschen umgehen zu lernen und die Phänomene zu akzeptieren.

Dieses „hartnäckige Anhaften“ bestimmter Haltungen und dadurch verbundener schmerzhafter Erfahrungen sollte uns veranlassen, uns auf die Suche nach dem Sinn darin, zu begeben. Wir wollen uns verstehen und wir wollen verstanden werden. Die Souveränität des Einzelnen, die Freiheit aus sich heraus in Bewegung zu kommen, Erkenntnis über sich selbst zu erlangen, ins wahrhaftige Leben ein –zutreten, steht leider viel zu selten auf der „Wunschliste“ der Menschen. 

Kai Kranner