an denken

Einen geliebten Menschen zu verlieren rührt an der Seele. Die darauffolgende Trauerarbeit, das Loslassen, das Verstehen und das Gut sein lassen braucht in jedem Fall Zeit. Völker haben dazu eigene Rituale, die sich über lange Zeiträume entwickelt haben. In unseren Breiten sprach man bisher von einem Trauerjahr. Wer sich schon diesem Thema stellen musste, der weiß, dass dieser Zeitraum durchaus Sinn macht und man ihn braucht um die entstandenen Wunden zu heilen und die Seele wieder in einen friedlichen Zustand findet.

Philosophen haben immer versucht diese Ereignisse in einem größeren Rahmen zu betrachten. Kant sagte :„Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird.“

Den Verstorbenen einen Platz zu geben, an dem er in unserem Gedächtnis bleibt, braucht Zeit, ist ein Prozess, durch den wir wachsen und Erkenntnisse gewinnen, macht uns erfahrener und eröffnet uns ein ganz wichtiges Kapitel des Lebens. Aufmerksame Leser der FAZ müssen jetzt aber zur Kenntnis nehmen, dass die Trauer nach 14 Tagen einen Abschluss finden muss.

In der neuen Auflage des Diagnosemanuals für psychische Störungen der amerikanischen psychiatrischen Vereinigung kommt man zum Schluss, dass alles was an Trauer nach 2 Wochen noch vorhanden ist, einer psychischen Störung gleich kommt. Der behandelnde Arzt sollte dann seinen Patienten mit Medikamenten, meist Antidepressiva, behandeln. Wurden dem Trauernden von dieser Vereinigung im Jahr 1980 noch ein Jahr und 2000 noch immerhin 2 Monate zugestanden, hat man solche Angelegenheiten jetzt in zwei Wochen zu erledigen.

Mit Hilfe modernster Technik brennen an so manchem Grab die E-Kerzen schon mehrere Wochen. Also weit über die Zeit der Trauerarbeit hinaus! Es ist mir natürlich bewusst, dass wir modernen Menschen keine Schwäche mehr zeigen können. Tränen und Trauer machen hilflos und schwach, bringen uns unserem Selbst und unserem Innersten näher. Trauer bedarf manchmal auch der Hilfe anderer Menschen um die seelischen Wogen aus Verzweiflung, Wut und Enttäuschung zu glätten.

Wie klein muss ein Leben gewesen sein, wenn man es in wenigen Tagen vergessen kann. Wie bindungslos und oberflächlich müsste der Mensch gelebt haben, wenn der Verlust nicht andauern dürfte. Bedenkt man jetzt, dass  eine Unzahl an Medizinern und Therapeuten sich an solch einer wissenschaftlichen Vorgabe orientieren, fehlen einem schon mal die Worte.

Wollte man bösartig sein, würde man meinen diese Gelehrten hätten zum wissenschaftlichen Zwecke ausschließlich auf Ihr eigenes, sinnentleertes und anscheinend wenig erfülltes Leben geschaut. In jedem Fall hoffe ich, dass  es diesen Wissenschaftlern noch gelingt, mit ihrem Leben Spuren zu hinterlassen, die nicht nach zwei Wochen verblichen sind.

Kai Kranner